08 Amateure

Mit dem Aufkommen der Amateurfotografie werden die Anlässe für Fotografien auch im akademischen Bereich informeller: Institutsfeiern, Geburtstagsfeste, Ausflüge und sogar Faschingsfeiern werden zu beliebten Bildsujets. Auch die abgelichteten Personen wirken deutlich entspannter: Man zeigt sich in munterer Konversation, Zigaretten und Bierflaschen sind ein immer wiederkehrendes Bildmotiv. Schließlich kommen vermehrt Personen mit ins Bild, die nicht die oberste universitäre Hierarchieebene repräsentieren: Doktorand*innen, Institutsmitarbeiter*innen, vereinzelt Reinigungskräfte.

NEUE BILDMOTIVE
Mit der Erfindung des Fotofilms und der Produktion von handlichen Kompaktkameras seit den 1890er Jahren entwickelte sich die Fotografie zu einem weit verbreiteten Medium. Man musste nicht mehr ins Studio gehen, um sich portraitieren zu lassen. Immer mehr Menschen besaßen selbst eine Kamera, fingen als »Knipser« vielfältige Motive ein und schufen so Zeugnisse persönlicher Perspektiven auf das Universitätsleben. Wirkten die Portraitierten auf frühen Studiofotografien häufig noch steif, bildeten sich mit dem »Schnappschuss« Bildmotive aus, die den gelebten Alltag und private Szenen zeigen.

FOTOALBEN ALS PROGRAMM
Zusammenstellungen von solchen »Knipserbildern« – entweder als Alben oder in Ringordnern – finden sich auch im unversitären Rahmen. In Instituten oder universitären Einrichtungen aufbewahrt, stellen sie eine Gemeinschaft her und schaffen eine Tradition an der jeweiligen Einrichtung.

Ethnologie des Institutslebens

Im bürgerlichen Familienalbum werden neben Portraits der Familienmitglieder auch Fotografien von wichtigen Ereignissen gesammelt. Ganz ähnlich dazu existieren auch an universitären Instituten Fotosammlungen, auf denen neben einzelnen Personen vor allem festliche Anlässe wie Geburtstagsfeiern, Betriebsausflüge oder akademische Abschlussfeiern festgehalten sind. Aus diesen Situationen überliefern sie, anders als offizielle Fotos, eingebettete Perspektiven von Teilnehmer*innen. Unabhängig vom jeweiligen Entstehungskontext setzen Auswahl, Anordnung und Beschriftung die einzelnen Bilder in einen größeren institutionellen Kontext und lassen sie Teil einer halböffentlichen Repräsentation einer Fakultät oder eines Lehrstuhls werden.

Intimität und Exposition

Studio- wie Amateurfotografien existierten sowohl als Einzelstücke, wurden aber auch vielfach in Alben gesammelt. Fotoalben dienten zum einen der Aufbewahrung persönlicher Erinnerungsstücke und zum anderen zu Repräsentationszwecken der bürgerlichen Familie. Sie spielen eine zentrale Rolle in der Bildung und Festigung von individuellen und kollektiven Identitäten. Im Zusammenstellen und Anordnen der Fotografien wird eine Lebensgeschichte oder eine Gemeinschaft entworfen und ein entsprechendes Publikum angesprochen. Im Album entsteht so aus den einzelnen Porträtierten eine Gruppe oder auch Institution, die sich im Zeigen und Betrachten des Albums selbst erleben kann.