06 Postkarten

Postkarten sind ein Medium der Massen. Unabhängig von bestehenden Klassen- und Standesunterschieden wurden sie millionenfach gekauft, beschrieben, verschickt und gesammelt. Ihr Aufstieg fällt nicht zufällig in die Zeit ab 1870, als sich in Deutschland mit Presse, Kino und Grammophon ein Markt für massenmediale Produkte zu formieren begann. Wurde die auf 9 x 14 cm normierte Postkarte anfangs als reines Schreibmedium genutzt, begann um 1880 der Siegeszug der Ansichtspostkarten, die neben Landschaften und Stadtansichten auch Personen des öffentlichen Lebens zeigten.

GÖTTINGER PROFESSOR*INNEN IN SERIE Die hier ausgestellten Postkartenserien von Göttinger Professor*innen wurden in den 1930er und 40er Jahren von unterschiedlichen lokalen Anbietern vertrieben und richteten sich hauptsächlich an eine studentische Käuferschaft. Sie dienten als persönliche Devotionalien, aber auch – an Eltern oder Freunde versandt – als Aushängeschilder des eigenen Status. Zudem können sie als ein frühes Universitäts- und Stadtmarketing verstanden werden, das die Göttinger Wissenschaftsprominenz auch über die Ortsgrenzen hinaus bekannt machte.

GESICHTER DER ZEIT Das Bildprogramm der Göttinger Professorenpostkarten entwickelte sich dabei in enger Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Portraitpraxis: Inszenierungselemente von Starpostkarten des frühen Kinos finden sich auf ihnen ebenso wieder wie Auswirkungen der avantgardistischen Portraitfotografie der Zwischenkriegszeit mit ihrer Konzentration auf Gesichter.

Postkarten aus unterschiedlichen Postkartenserien, Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Sammlung Voit/Städtisches Museum Göttingen.

Das typische Gesicht

Die Fokussierung auf das Gesicht hatte eine weitere Dimension. Fotograf*innen des linken wie rechten politischen Spektrums der Weimarer Republik versuchten sich über das Gesicht an einer Klassifizierung und Ordnung der sozialen Welt. An die Stelle des individuellen Ausdrucks traten Volksgruppen oder Berufstypen. Stellvertretend dafür stehen die populären Bildbände Erich Retzlaffs, der – mit starkem völkischem Bezug – ab den 1930er Jahren in seinen Fotografien das Gesicht als Ausdruck von Volkszugehörigkeit inszenierte. Die Art und Weise, wie dort die Gesichter herausgearbeitet wurden, findet sich in einer Postkartenserie von Göttinger Professoren wieder, deren Fotografien ebenfalls von Retzlaff stammen.

Gesichter

Viele der ausgestellten Postkarten fokussieren auf die Gesichter der Professor*innen. Sie nehmen beinahe die ganze Bildfläche ein, erscheinen wie herauspräpariert. Indem Hals- und Schulteransatz oftmals unscharf bleiben, wird die Person ganz auf ihr Antlitz reduziert. Dieser Fokus steht in der Tradition der Portraitfotografie der Zwischenkriegszeit. Viele Zeitgenoss*innen befürchteten einen Verlust des Persönlichen durch die moderne Massengesellschaft. Die fotografische Arbeit am Gesicht, wie sie vor allem in populären fotografischen Portraitbänden der 1920er und 30er Jahre geleistet wurde, sollte diesem drohenden Verlust entgegenwirken und über das Antlitz eines Menschen wieder die Person ins Bild rücken.  

Erich Retzlaff: Die von der Scholle. Sechsundfünfzig photographische Bildnisse bodenständiger Menschen, Göttingen 1931

Postkarten der Deuerlich’schen Buchhandlung.

Der Professor als Star

Die Postkarten des Göttinger Studentenbundes, auf denen die Portraits mit jeweils einer autogrammartigen Signatur versehen waren, folgen dem Schema von Starfotografien des Weimarer Kinos. Ab den 1920er Jahren begannen die großen Filmproduktionsgesellschaften Postkartenkollektionen ihrer Schauspieler*innen anzubieten, um eine größere emotionale Bindung an die neue Filmprominenz herzustellen. Neben der eigenhändigen Unterschrift auf der Vorderseite der Postkarte waren verstärkt ab den 1930er Jahren sogenannte Autogrammpostkarten erhältlich, die mit einer vorgedruckten Unterschrift des oder der Abgebildeten versehen waren.