Im besten Licht

Stift, Lineal und Zirkel – das waren klassische Insignien eines Gelehrten im 18. Jahrhundert. Als eben solcher inszeniert sich Abraham Gotthelf Kästner (1719-1800) auf seinem 1769 entstandenen Portraitt. Stift, Lineal und Zirkel – das waren auch die Hilfsmittel, mit denen der Göttinger Professor für Mathematik und Physik die mathematische Figur und die Formel zu Papier brachte, die ebenfalls auf dem Bild zu sehen sind. Beide stammen aus seiner Hydrodynamik, die im gleichen Jahr erschien, als Kästner für sein Portrait Modell stand: ein Beispiel für frühes Marketing in eigener Sache. Bemerkenswert an Kästners Portrait ist aber vor allem der Zettel in seiner rechten Hand: In der Form eines Sinngedichts ausgeführt, ist es eine augenzwinkernde Reflexion über das Genre des Portraits im Portrait selbst – und kann hier exemplarisch für alle Bildnisse stehen, die in der Ausstellung zu sehen sind.

"Sorgt ja, daß auch von euren Zügen Ein gutes Bild der Nachwelt übrig ist: So sieht sie euch, Autoren! mit Vergnügen, Wenn sie euch lange nicht mehr list."

Bildnis des Abraham Gotthelf Kaestner (1719-1800), Professor für Mathematik und Physik, Direktor der Sternwarte,Johann Heinrich Tischbein d.J., 1770, Öl auf Leinwand, 90 x 68 cm, Kunstsammlung der Universität Göttingen, o. Inv.Nr.

face the fact Wissenschaftlichkeit im Portrait

FACE THE FACT – WISSENSCHAFTLICHKEIT IM PORTRAIT
Wissenschaft hat viele Gesichter. Sie begegnen uns auf Ölgemälden und Medaillen, in Grafiken, Fotografien oder als Skulpturen. Seit ihrer Gründung 1737 existiert an der Georgia Augusta eine Portraitkultur, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Die hier ausgestellten Bildnisse Göttinger Professor*innen aus verschiedenen Sammlungen der Universität machen vor allem eines deutlich: Portraits erzählen Wissenschafts- und Universitätsgeschichte.

GESICHT UND PERSON
Wissenschaft war und ist ein kollektives Unternehmen. Dennoch wird sie meist mit einzelnen Persönlichkeiten assoziiert. Dazu beigetragen hat insbesondere die Portraitproduktion, die Einzelne aus der Masse herausgreift – einst ausschließlich Männer, zunehmend auch Frauen. Portraits zeigen jedoch stets mehr als nur die Personen, die darauf zu sehen sind: Sie stellen die Abgebildeten als gelehrt heraus, geben Auskunft über jeweils vorherrschende wissenschaftliche Idealbilder und dienen der Selbstdarstellung einzelner Wissenschaftler*innen sowie der Universität.

MATERIALITÄT UND MEDIUM
Ein Portrait existiert nie jenseits seines Trägermediums. Ob Ölbild, Grafik, Fotografie, Medaille oder Büste: Die jeweilige Herstellungstechnik und materielle Beschaffenheit der Bildnisse ist ausschlaggebend für die Form der Repräsentation sowie die Möglichkeiten der Verwendung. Portraits sind mal mehr, mal weniger mobil. Manche eignen sich für eine öffentliche Präsentation, manche sind private Sammelobjekte. Und während die einen gehängt oder aufgestellt werden, werden die anderen gesammelt, verschickt, getauscht, zu Tausenden vervielfältigt oder in Alben eingeklebt.

GESICHTER AUSSTELLEN
Die Ausstellung ordnet mit Blick auf unterschiedliche Portraitmedien die Bildnisse von Gelehrten in ihre jeweilige Zeit ein und zeigt damit sowohl Kontinuitäten als auch Brüche in der Portraitkultur. Sie macht allgemeine Muster, Typen und Traditionen in der Gelehrtendarstellung deutlich. Immer geht es dabei um Teilhabe und Aufnahme in eine Institution, um Formen des Gedenkens, aber auch um Mechanismen der Ausgrenzung.