Büsten

Büste des David Hilbert (1862-1943), Professor für Mathematik, Abguss nach dem Original von Peter Kirchhoff (1928), 1986, Gips, Höhe 31 cm, Seit der Beschädigung gelagert in der Restaurierungswerkstatt des Archäologischen Instituts, o. Inv.Nr.

Attacke/Attraktion

Kunstwerke, speziell repräsentative Bildnisse, sind nicht selten auch Medien sozialer Konflikte. Im „Bundesweiten Bildungsstreik“ im Juni 2009 stand die Institution Universität am Pranger: Studiengebühren, Bologna-Reform, Exzellenzinitiative und Demokratiedefizite. Am 18. Juni drang eine Gruppe der Demonstrierenden in die Aula der Universität Göttingen ein und verübte Attacken auf einige Büsten, darunter auch auf diesen Gipsabguss des Mathematikers David Hilbert (1862-1943). Er wurde mit Farbe besprüht, vom Sockel geschlagen und aus einem Fenster geworfen. Ein vandalistischer Akt, der als Institutionenkritik gelesen werden kann. Dass es ausgerechnet David Hilbert erwischte, war wohl reine Willkür. Umso deutlicher wird, dass institutionelle Repräsentationsformen jenseits ihrer Inhalte als Angriffsflächen für Kritik dienen.

Möchten Sie mehr über die beschädigten Büsten lesen?

Der Protest und seine Überreste. Die Büste David Hilberts zwischen Beschädigung und symbolischer Politik“ ein Beitrag von Amelie May (PDF)

Geistesgröße

Die Kolossalbüste Gottfried Wilhelm Leibnitz‘ (1646-1716) wurde als Pendant zu einer ebenso übergroßen Gauß-Büste im historischen Saal der Universität aufgestellt. Sie kam 1792 als Schenkung nach Göttingen, nachdem sie vermutlich als Modell für eine Marmorbüste gedient hatte. Nachdem an der Georgia Augusta um die Wende zum 19. Jahrhundert das Interesse an den mittlerweile geschmacklich als veraltet betrachteten Professorenportraits nachgelassen hatte, wurden Formen der Repräsentation von Gelehrten durch ein anderes Medium übernommen. Die vom antikischen Zeitgeschmack bevorzugten Büsten traten an die Stelle der Gemälde. Bis etwa 1820 fanden die Büsten auswärtiger und Göttinger Gelehrter oder Künstler Aufstellung in der Bibliothek der Universität.

Kolossalbüste des Gottfried Wilhelm von Leibnitz (1646-1716), Christopher Hewetson, 1790, Gips, Höhe 85 cm, Kunstsammlung der Universität, o. Inv.Nr.

Büste des Christian August Gottlieb Goede (1774-1812), Professor für Rechtswissenschaft, Johann Gottfried Schadow, 1813, Marmor, Höhe 67 cm, Kunstsammlung der Universität, o. Inv.Nr.

Würdig?

War man sich darin einig, dass der neue, 1812 umgebaute Bibliotheksaal die Büsten von „Göttinger Heroen“ enthalten und den Studierenden Vorbild und Ansporn sein sollte, war die Frage, wer darin aufgenommen werden sollte, nicht so eindeutig zu beantworten. Als  Studenten 1814 die Büste des Juristen Christian August Goede (1774-1812) der Universität vermachten und baten, diese in der Bibliothek aufzustellen, kam es zu längeren Diskussionen. Der damalige Prorektor mochte zwar die Verdienste Goedes nicht leugnen, sah im Falle einer Aufstellung aber die Idee eines „Göttingischen Pantheons“ in Gefahr:

„Gödes Verdienste um Göttingen und die Wissenschaft sind nicht zu dem Masse erwachsen, daß seine Büste in diese Reihe [Haller, Mayer, Kästner, Heyne] gehören könnte, und die Idee, dort ein kleines Göttingisches Pantheon anzulegen, würde nach sehr allgemeiner Meinung an dieser Aufstellung zerbrechen.“

Ideale: antik/antiquiert

Mit dem um 1812 erfolgten Umbau der Paulinerkirche zu einem Bibliothekssaal, waren weitreichende Pläne mit einer Aufstellung von Bildnisbüsten von Gelehrten verbunden. Neben ausgewählten Gipsabgüssen nach antiken Skulpturen dachte man an ein „Göttingisches Pantheon“, das den bekannten Gelehrten Göttingens gewidmet sein sollte. So wurden dort  im Jahr 1814 Büsten von Haller, Mayer, Kästner und Heyne zwischen den Bücherregalen auf dunkel gefärbten Postamenten aufgestellt. Von Dorothea Schlözer gab es sogar zwei Büsten. Neben den Portraits stand jeweils ein Abguss einer bekannten antiken Statue: Laokoon, der Borghesische Fechter, die Große Herkulanerin sowie der Apoll von Belvedere. 

Büste des Christian Gottlob Heyne (1729-1812), Professor für Klassische Philologie, Direktor der Universitätsbibliothek,
Johann Christian Ruhl, 1812, Gips, Höhe 63 cm,
Kunstsammlung der Universität, o. Inv.Nr.

Scroll to Top